Ihren 80. Geburtstag konnte meine Grossmutter dieses Jahr feiern. Das ist zwar schon zwei Wochen her, das Geburtstagsfest fand aber erst dieses Wochenende statt. Der Grund dafür ist, dass das nicht das erste und einzige Fest war, sondern das vierte. Familie, Freunde, Nachbarn und Bekannte, alle wurden mindestens einmal eingeladen. Von nah und fern kamen allerlei Familienangehörige angereist. Viele hatte ich erst ein oder zwei Mal gesehen, andere kannte ich sogar nur vom Hörensagen.

«Etwas übertrieben, vier Feste», hatte ich einmal zu meiner Mutter gesagt und dachte es wieder, als ich den Raum mit mehr fremden als bekannten Gesichtern betrat und versuchte, mir Namen zu merken, die ich spätestens zwei Hallos weiter wieder vergessen hatte. «Man wird nur einmal 80», hatte meine Mutter mir da geantwortet. «Trotzdem», dachte ich bei mir. Wohl auch, weil ich grundsätzlich kein grosser Fan von Familienfesten bin. Ja, zugegeben, meist wird es dann doch ganz lustig.

Zwischen Hauptgang und Dessert beobachte ich, wie sich meine Grossmutter schnell und fröhlich durch den Raum bewegt, für jeden einen Moment Zeit findet und dann auch noch, für alle, die sich nicht so gut kennen, (fast) ohne Probleme die Verwandtschaftsgrade jeder einzelnen Person im Raum erklärt. Auch über ihre vierte Geburtstagsfeier freut sie sich noch und nur manchmal erwische ich sie dabei, wie sie etwas erschöpft in die Runde schaut.

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Beim Kaffee stellt sie sich vor die Tische, unterbricht das Stimmengewirr und nimmt eine lange, von Hand beschriebene Papierrolle hervor und beginnt, zum Teil unter Tränen, zum Teil lachend, aus ihrem Leben zu erzählen, das noch vor dem Zweiten Weltkrieg begann. 80 Jahre voller Erlebnisse. Von einer unbeschwerten Kindheit, einer weniger sorgenfreien Jugend und davon, einen Mann kennenzulernen, der ihre Liebesbriefe in seiner Nachttischschublade aufbewahrt. Wie sie mit ihm zusammen ein Haus baut, neue Menschen in ihrem Leben begrüsst und andere verabschieden muss.

Und ich beginne mich zu fragen, wie viel davon sie wohl erwartet hatte, als sie so alt war wie ich. Ob sie sich ihr Leben mit 20 so vorgestellt hatte? Ob sie alles nochmals genauso machen würde, mit dem Wissen von heute? Ob sie sagen würde «Ja, meine Entscheidungen waren richtig»? Und was davon die Zukunft für mich noch bereithält, auf was für ein Leben ich einmal werde zurückblicken können.

Ich habe sie das alles nicht gefragt. Aber vier Geburtstagsfeste könnten die Antworten beinhalten. Und plötzlich
kommen mir so viele Feiern gar nicht mehr übertrieben vor. Wenn ich 80 Jahre alt werde und alle meine Fragen mit Ja beantworten kann, schmeisse ich auch vier Partys.
Mindestens. 


Dieser Text wurde am 24. Oktober 2017 in der «Volksstimme» veröffentlicht.


 

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