Wo ist denn jetzt …? Beunruhigend häufig beginnen in letzter Zeit meine Sätze genau so und enden mit irgendetwas, was ich gerade dringend benötige … mein Handy, meine Speicherkarte, mein Portemonnaie, meine Jacke, meine Brille, mein Schirm und seit ich einen habe: … mein Schlüssel.

Alles verschwindet in regelmässigen Abständen pünktlich dann, wenn ich überhaupt keine Zeit dafür habe, lange danach zu suchen, und wenn ich mir eigentlich absolut sicher war, wo ich es hingelegt hatte. Was danach passiert, hängt ganz von meiner Tagesform ab.

Ja, es kommt vor, dass ich ganz entspannt denke: «Na gut, dann eben heute ohne Musik, das Gerät wird schon wieder auftauchen.» Dann gibt es die Tage, an denen ich mich, nicht komplett zufrieden, mit einer Alternative abfinden kann: Dann halt eben diese Jacke, wenn die andere nicht auftaucht. Ich muss jetzt sowieso los.

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Und dann gibt es noch die schlechten Tage. An denen es unaufhörlich an mir nagt, mich innerlich auffrisst und ich an mir selbst zu zweifeln beginne, weil der blöde Schirm jetzt nicht mehr da liegt, obwohl er sich in meiner Erinnerung genau da befunden hat. Nicht selten kann dann ein leicht, ich betone, leicht passiv-aggressiver Charakterzug in mir in Erscheinung treten, der mich wie vergiftet das ganze Haus nach dem verlorenen Gegenstand absuchen und Zeit und Raum vergessen lässt.

Jedes Familienmitglied, das mir in diesem Zustand in die Quere kommt, wird mit erhobener, immer schriller werdender Stimme über den gesuchten Gegenstand aufgeklärt. Dann folgt eine verzweifelte Tirade darüber, dass er nirgends, aber wirklich nirgends zu finden ist und – obwohl mein Gegenüber das bis dann bereits bemerkt hat – dass ich vermutlich bald wahnsinnig werde. Wer kann, flieht. Die meisten werden jedoch zur Mitsuche gezwungen. Vielleicht machen sie es auch freiwillig, damit die Hysterie ein Ende findet und sie endlich wieder ihre Ruhe haben.

Taucht der gesuchte Gegenstand dann wieder auf, meist an einem Ort, den ich schon viermal, wirklich – doch wirklich – gut durchsucht habe, nehme ich ihn mit einem verlegenen Lächeln und einem leisen «danke, ich wusste doch, dass er da irgendwo sein muss», entgegen und verschwinde dahin, wo immer ich schon wieder
hinwollte.

Sie dürfen raten, meist habe ich schlechte Tage, wenn irgendetwas unauffindbar ist. Langsam gewöhnt sich meine Familie an diese Zustände und niemand lässt sich mehr aus der Ruhe bringen, wenn ich ihn oder sie vom Sofa verjage, um irgendetwas zu suchen. Das ist auch der einzige Weg, damit sie selbst nicht wahnsinnig werden. Besserung ist bei mir nämlich keine in Sicht. «Hat das etwas mit dem Alter zu tun? Das passiert mir in letzter Zeit auch immer öfter», fragte mein Vater kürzlich mit einem Schmunzeln, bevor er mir mit einem Seufzen dabei half, einen Schirm zu finden.


Dieser Text wurde am 5. Dezember 2017 in der «Volksstimme» veröffentlicht.


 

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