Drei vorwurfsvolle Fragezeichen blinken mir vom Display meines Handys entgegen. Eine Nachricht meiner Schwester. Beziehungsweise die ungefähr hundertste Nachricht von ihr an diesem Wochenende. Die Fragezeichen folgten auf eine SMS, die sie mir ungefähr eine Stunde zuvor geschickt hatte.

Meine Schwester ist für ein paar Tage verreist. Ich passe derweil auf ihren Hund auf. Nun will sie jede halbe Stunde wissen, wie es ihrem Hund geht. Ich liebe meine Schwester. Wirklich. Wir sind uns in vielem sehr ähnlich. Aber es gibt Dinge, die uns ob der anderen verzweifeln lassen. Eines dieser Dinge ist die Kommunikation per Telefon. Ich beantworte keine SMS. Das heisst, ich beantworte sie schon. Aber es kann sein, dass bis dahin – je nach Dringlichkeit der Antwort – eine halbe Stunde bis einige Tage vergehen. Dasselbe gilt für Anrufe. Natürlich ausschliesslich für Private.

Das ist keine böse Absicht von mir. Ich habe nur manchmal keine Zeit, um zu antworten. Oder ich will mich nicht ablenken lassen, wie jetzt gerade. Oder ich vergesse es. Oder ich muss noch über die Antwort nachdenken. Oder ich sehe die Nachricht nicht. Oder ich mag einfach gerade nicht zurückschreiben.

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Verschiedene Studien behaupten, die ständige Erreichbarkeit, welche die Erfindung des Smartphones mit sich brachte, würde bei Menschen zu vermehrtem Stress führen. Ich verstehe das nicht. Auch ich besitze ein Smartphone und das befindet sich grundsätzlich in meiner Nähe. Gestresst fühle ich mich von ihm aber nie. Egal, wie wild es blinkt und surrt. Auch die beiden blauen Häkchen, die verraten, ob ich eine Nachricht gesehen habe oder nicht, belasten mich nicht.

Es geht aber nicht nur ums Antworten, sondern auch ums aktive Schreiben. Also darum, unaufgefordert jemandem zu schreiben. Aus meinen Ferien erhält man von mir – neben der obligatorischen Nachricht, dass ich heil angekommen bin – höchstens sporadisch eine SMS. Meine Schwester lässt mir das nicht durchgehen. Sie beantwortet Nachrichten meist innert weniger Minuten und nimmt praktisch jeden Anruf entgegen. Andererseits erwartet sie dasselbe auch von ihrem Gesprächspartner, insbesondere, wenn ich das bin. Ansonsten folgt eine weitere Nachricht.

Die Fragezeichen blinken wieder auf. Keine drei Minuten später steht mein Freund in der Tür und hält mir sein Handy unter die Nase. Eine Nachricht meiner Schwester. Sie greift zu härteren Massnahmen, um eine Antwort von mir zu erhalten. «Kannst du Michèle mal sagen, sie soll mir zurückschreiben?» Er, der sich schon daran gewöhnt hat, dass von mir nicht unbedingt gleich mit einer Antwort zu rechnen ist, schüttelt den Kopf und verschwindet wieder. «Antworte ihr endlich!», ruft er dann noch. Ich tippe auf das Display meines Handys und mir leuchten wieder die drei Fragezeichen entgegen. Ich antworte ja schon. Was für ein Stress.


Dieser Bericht wurde am 16. Oktober 2018 in der «Volksstimme» veröffentlicht.


 

micheled Kolumne