So werde ich bestimmt nie.
Das habe ich mir gesagt, als ich vor bald drei Jahren einmal mit meiner Schwester im Auto gesessen habe. Ich war beunruhigt, denn ich konnte schon die Ader auf ihrer Stirn hervortreten sehen. «Was bist du für ein elender Trottel, willst du deine Karre um
die Ecke schieben, oder hoffst du, die Erdrotation befördert dich von der Strasse?!» Meine Schwester sitzt kopfschüttelnd und mit pochender Stirnader hinter dem Steuer ihres Autos, ich auf dem Beifahrersitz. Nachdem der Wagen vor uns abgebogen ist, beschleunigt meine Schwester und ich taste instinktiv nach dem Griff über der Tür. «Kein Schwein kann mehr Auto fahren», giftet sie. Ja, meine Schwester, eine der ruhigsten und geduldigsten Personen, die ich kenne, wird hinter dem Lenkrad eines Autos zur Cholerikerin. Wahre Fluchtiraden ergiessen sich dabei über jegliche Menschen, die es wagen, sich zur selben Zeit wie sie im Verkehrsnetz aufzuhalten.

Dasselbe Phänomen kann ich bei meinem Freund beobachten. «Vergiss es, dir mache ich bestimmt keinen Platz», ist meist nur der Anfang einer Auseinandersetzung mit einem Wildfremden, die nicht selten mit eindeutigen Handzeichen und wüsten Drohrufen endet.

Einer ganzen Reihe anderer Personen aus meinem Bekanntenkreis ergeht es ebenso. Sind der Rückspiegel ausgerichtet, der Sicherheitsgurt eingerastet und das lederne Lenkrad umgriffen, sind Empathie und Manieren vergessen. Das Brummen des Motors weckt lange angestaute Aggressionen in den Menschen und lässt sie wie Godzilla durch die Strassen wüten.

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So werde ich bestimmt nie, habe ich mir deshalb damals im Auto meiner Schwester gesagt. Kurz darauf habe ich mit einem breiten Grinsen meinen «Schegg» entgegengenommen. So werde ich bestimmt nie. Was für eine fatale Fehleinschätzung.

An der Autotür gebe ich meine Nerven ab. Einige hundert Meter, nachdem ich losgefahren bin, rege ich mich über Spaziergänger auf. Habe ich es zur Hauptstrasse geschafft, will mir der Idiot gegenüber sicher meinen Vortritt streitig machen, danach muss ich hinter dem alten Mann herschleichen und sobald der sich von der Strasse verdünnisiert hat, überholt mich die blöde Kuh hinter mir, weil sie denkt, ich wäre die Langsame. Ein Dorf weiter habe ich einen blauen VW vor mir, dessen Fahrer ausserorts aus dem Nichts von 80 auf 60 Stundenkilometer herunterbremst.

Nachdem er wieder innerorts bei 35 Stundenkilometern angelangt ist, blinkt er plötzlich und biegt ab. Im Auto dahinter sitze ich. Zeternd und schreiend, giftend und tobend und wild gestikulierend. Dabei werden meine Rübe immer röter, meine Haare immer zerzauster und manchmal spüre ich sogar den warmen Druck des Bluts, das durch die hervortretende Ader auf meiner Stirn schiesst.
Hinter dem Lenkrad mutiere ich zu Godzilla.
So bin ich.


Dieser Text wurde am 4. September 2018 in der «Volksstimme» veröffentlicht.


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