Ich weiss sofort, was los ist, und seufze. Die Nachricht während seines Kickboxtrainings abends um halb zehn mit der Bitte, ihn anzurufen, ist Hinweis genug. Meine Überraschung hält sich daher in Grenzen, als ich erfahre, dass die Bänder wieder einmal hin sind. Wenigstens hatte er dieses Mal sein Handy dabei. Beim letzten Bänderriss, den er sich abends während dem Joggen zuzog, war er lediglich mit einer Taschenlampe unterwegs.

Zufällig fuhr ich gerade mit dem Auto weg und er versuchte, mir per Morsezeichen SOS mitzuteilen. Was soll ich sagen …
Morsen ist nicht unbedingt eine meiner Stärken, ich begriff nicht, dass das Geleuchte eine Nachricht sein sollte, und er musste nach Hause humpeln. Das muss ich mir heute noch anhören. Zahlreiche Vorschläge für Hobbywechsel meinerseits – weg vom Sport, dafür etwas Ungefährlicheres wie Briefmarkensammeln – ignorierte er geflissentlich und begann mit Kampfsport.

Also schwinge ich mich hinters Steuer. Die Route Diegten–Basel–Liestal Kantonsspital fahre ich leider nicht zum ersten Mal. Heute werden wir für diesen kleinen Ausflug aber fünf Stunden benötigen. Mir dämmert, dass unser Aufenthalt in der Notaufnahme wohl länger dauern könnte, als der Rettungsdienst einen Mann auf der Trage hereinrollt. Mir wird etwas unwohl, als ich Gesprächsfetzen zwischen den Sanitätern – alle mit Mundschutz – und der Krankenschwester höre, welche die Worte «ansteckend» und «noch unsicher» beinhalten. Während unserer Wartezeit, die nur ab und zu von kurzen Besuchen von Arzt, Krankenschwester und Radiologe unterbrochen wird, wird mein Stuhl immer unbequemer und ich werde immer müder.

Zwei Uhr früh zeigt die Uhr an der Wand hinter uns inzwischen an. Und während ich mir meine immer kürzer werdende Schlafenszeit ausrechne und versuche, nicht zu genau zuzuhören, was mit dem vielleicht ansteckenden Patienten neben uns los ist, wird eine Frau eingeliefert, die Probleme mit dem Atmen hat. «Das ist ja wie im Fernsehen», schiesst es mir durch den Kopf. Und das in einer ganz normalen Nacht. Im selben Moment fällt einer Schwester bei dem Herrn nebenan eine Spritze mit abgezapftem Blut herunter und ihr Inhalt ergiesst sich zu einem Teil über den Boden. Ich schlucke und kämpfe gegen die in mir aufsteigende Übelkeit an. Jemand auf dem Gang hyperventiliert und der Mann von nebenan wird, nach dem Besuch eines Chirurgen, auf die Intensivstation verlegt. Die Frau mit den Atemproblemen klärt eine Ärztin währenddessen schon einmal darüber auf, dass sie nicht wiederbelebt und beatmet werden möchte, sollten Herz oder Lunge ihr plötzlich den Dienst versagen.

Ich setze mich auf meinem Stuhl gerade hin, schaue auf den angeschwollenen Knöchel und bin froh, dass wir warten müssen. Das bedeutet nämlich, dass mit einer Schiene alles wieder in Ordnung kommt. Und zwischendurch lerne ich ja sogar etwas bei diesen Zwischenfällen. Immerhin weiss ich mittlerweile, wie ein gemorstes SOS aussieht.


Dieser Text wurde am 30. Januar 2018 in der «Volksstimme» veröffentlicht.


 

micheled Kolumne