Einst wurden sie von der Gesellschaft geächtet, heute ist das Amt des Wasenmeisters eines wie jedes andere auch. Der bald 80-jährige Heinz Speiser nimmt sich seit bald 45 Jahren der toten Tiere in Wintersingen an.

Michèle Degen

Eigentlich gibt es ihn seit dem 1. Januar 2014 nicht mehr, den Wasenmeister. Dann wurde die Bezeichnung aus den Texten des Tierseuchengesetzes gestrichen. Seither übernimmt in immer mehr Kommunen der Gemeindearbeiter die Aufgabe des Wasenmeisters. Doch das Amt, das einen Dorfbewohner für die Entsorgung von Tierkadavern verantwortlich macht, ist deshalb nicht aus den Gemeinden verschwunden. In Wintersingen gibt es den Wasenmeister noch. Der bald 80-jährige Heinz Speiser hat das Amt inne und das schon seit 45 Jahren.

Jeden Montagmorgen geht oder – je nach Wetter – fährt Speiser die knapp 300 Meter von seinem Haus an der Hauptstrasse zur Gemeindeverwaltung. Hinter der Verwaltung, bei der alten Feuerwehr, befindet sich die Kadaversammelstelle von Wintersingen. Auf dem Weg grüsst er die Dorfbewohner, die gerade in ihre Autos steigen oder auf den Bus wollen. Speiser schliesst die Maschendrahttür zum ehemaligen Schopf auf und geht hinein. Auf der linken Seite steht unauffällig die Kühltruhe. Er öffnet die Tür, wirft einen Blick aufs Thermometer – «0 Grad Celsius, alles in Ordnung» – und hievt danach den ersten Kübel aus der Box. Darin eines von zwei Zwillingskälbchen, die nach der Geburt nicht überlebt haben. Bis zu vier Tonnen passen in den Kühler. Voll sind sie allerdings selten. «Es gibt Wochen, da ist überhaupt nichts drin», sagt Speiser, während er den schweren Kübel über den Boden vor die Tür zieht. Während sonst im Januar wenig los war, sind es heute zwei Kübel, die nach draussen müssen.

Fell sicherte den Lebensunterhalt
Der Beruf des Wasenmeisters, auch Abdecker genannt, kam vermutlich irgendwann im frühen Mittelalter auf. Den Bauern war es wichtig, Tierkadaver möglichst rasch zu beseitigen, um die Verbreitung von Krankheiten zu verhindern. Dazu kam, dass Pferdefleisch nicht auf dem Teller der Menschen jener Zeit landete. Ebenso wie das von Hunden. Der Abdecker hatte die Aufgabe, Tierkadaver aus dem Wohngebiet zu entfernen. Zuerst wurden die Tierkörper einfach in eine Grube geworfen. Zu späterer Zeit mussten sie – aus Hygienegründen und wegen des Geruchs nach Verwesung – auf dem sogenannten Wasenplatz oder Schindanger «sechs Schuh tief» vergraben werden.

Im Mittelalter verdiente der Wasenmeister seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf der Haut, die er den Kadavern abzog. Die Wasenplätze waren zuerst recht nah am Siedlungsgebiet gelegen. Später wurden sie in grösserer Entfernung zu den Häusern angelegt und waren meist von einer Mauer oder Gebüsch umgeben, bevor die modernen Tierkörperverwertungsanlagen gebaut wurden. Die Wasenplätze blieben jedoch auch danach noch lange bestehen. Erst 1993 wurde ihr Betrieb als Massnahme gegen die Verbreitung des Rinderwahnsinns eingestellt.

 

 

Nicht mehr so viel zu tun
Speiser weiss genau, wessen Tiere sich in den Tonnen befinden, denn jeder, der einen Kadaver entsorgen will, muss bei ihm den Schlüssel für die Sammelstelle abholen. «Manchmal erledige ich das aber auch», so Speiser, «wenn die Besitzer das tote Tier nicht anfassen, oder gar nicht erst dabei sein wollen, wenn es weggebracht wird.» Das ist meistens bei Hunden und Katzen der Fall. Sowieso können nur Kadaver bis 50 Kilogramm in die Gemeindesammelstellen gebracht werden. Kadaver, die zwischen 50 und 200 Kilogramm schwer sind, werden von der Automobilgesellschaft Sissach-Eptingen abgeholt und jene, die noch mehr wiegen, direkt vom Extraktionswerk in Lyss.

Speiser hat derweil die zweite, deutlich leichtere Tonne nach draussen bugsiert. Aus einer Box, die auf der Kühltruhe steht, nimmt er zwei gelbe Etiketten mit der Aufschrift «Gemeinde Wintersingen» und befestigt sie am Henkel der Tonnen. Dann schliesst er die Tür zum Schopf wieder. «Das wäre es eigentlich schon», sagt er. Die Tonnen werden im Laufe des Morgens von der Automobilgesellschaft Sissach-Eptingen abgeholt und durch leere ersetzt. Diese versorgt Speiser wieder im Kühler. Früher habe der Wasenmeister noch mehr zu tun gehabt, erzählt Speiser: «Als es noch dreissig oder vierzig Bauern im Dorf hatte.»

Wasenmeister und Scharfrichter
So kommen in 45 Jahren einige Erinnerungen zusammen. Vor Jahren seien einmal zwei Mädchen zu ihm gekommen. In den Händen eine Kartonschachtel mit einem toten Vogel. «Das war so herzig, das vergesse ich nicht mehr», sagt Speiser und lacht. Doch obwohl Speiser dieses Amt schon so lange ausübt: «Manchmal ‹tschuuderets› mich immer noch.» Zum Beispiel, als ein junger Mann auf dem Weg zum Einkaufen mit seiner Mutter eine Katze überfahren hatte. «In der Eile hat er das Tier in den Kofferraum gelegt und ist zum Einkaufen aufgebrochen. Wieder zurück, hat er bei mir den Schlüssel abgeholt und das Tier entsorgt», erzählt Speiser. «Später am Tag holte ein anderer Dorfbewohner den Schlüssel und rief kurz darauf an. Es kratze etwas in der Tonne, sagte er mir». Speiser zieht die Schultern hoch: «Die Katze lebte noch.» In der

Gesellschaft des Mittelalters war der Wasenmeister geächtet. Häufig war er gleichzeitig auch der Scharfrichter. Im Laufe der Zeit wurde es auch zu seiner Aufgabe, herauszufinden, weshalb ein Tier verendet war. Dadurch erlangte der Wasenmeister anatomische und pathologische Kenntnisse. Zur Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurde er seinen schlechten Ruf grösstenteils los und zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft. Trotzdem versuchten viele Wasenmeister, ihrem Stigma zu entkommen und den Beruf zu wechseln. Häufig erfolgreich waren sie in der Tiermedizin. So war der letzte Wasenmeister der Stadt Basel gleichzeitig auch der erste Kantonstierarzt.

Als Wasenmeister dürfe man nicht zimperlich sein, sagt Speiser. Denn manchmal müssen auch Tiere in die Tonne, bei denen bereits die Totenstarre eingesetzt hat. Speiser übt das Amt, das er zusammen mit dem Gasthaus Rössli im April 1974 von seinem Schwiegervater übernommen hat, dennoch gerne aus. «Ich habe gerne mit Menschen zu tun und als Wasenmeister steht man mit den Dorfbewohnern in Kontakt.» Doch der 79-Jährige denkt darüber nach, die Arbeit abzugeben. Es komme jedoch darauf an, wie es ihm gesundheitlich gehe.

Gibt Speiser sein Amt dereinst ab, wird das jedoch nicht unbedingt das Ende der Wasenmeisterei in Wintersingen sein. Gemäss Gemeindepräsident Michael Schaffner habe man sich noch nicht überlegt, wie es nach der Ära Speiser weitergehe. Der amtierende Wasenmeister ist sich jedoch sicher: Solange es noch jemanden gebe, der das Amt übernehme, werde Wintersingen wohl auch weiterhin einen Wasenmeister haben.

micheled Aus dem Alltag