Seit acht Jahren renovieren Karin und Thomas Fäh-Belser die «Pilgerruhe» in Rümlingen in Eigenregie. Ein Projekt ohne absehbares Ende. Ans Aufgeben hat das Paar trotzdem nie einen Gedanken verschwendet.

Michèle Degen

Samstag, 2. April 2011: Karin und Thomas Fäh- Belser fahren in ihrem Wagen langsam die einspurige Strasse des Kamberwegs hoch. Auf dem Hügel thront ein über 200 Jahre altes Gebäude. Kamberweg 32. Beinahe von überall im Tal ist das altehrwürdige Haus zu sehen, wie es auf seinem Hügel oberhalb des Dorfes ruht.

Eigentlich ist der Besichtigungstermin der Fähs erst am kommenden Montag. Aber weil das Wetter so schön ist und die beiden neugierig sind, fahren sie trotzdem einmal vorbei, um sich das Gutshaus von aussen anzusehen. Ein Paar verlässt gerade das zum Verkauf stehende Haus. Dahinter die Maklerin. Ob sie sich das Haus nicht vielleicht heute schon einmal ansehen dürften?

«Zur Pilgerruhe 1790», lautet die Inschrift auf einer Steintafel über der Eingangstür zum Hauptgebäude. Gemeinsam besichtigen sie das 2917 Quadratmeter grosse Grundstück. Das Wohnhaus, die Gewölbekeller, das Nebengebäude, die Scheune. Die Gebäude sind stark renovationsbedürftig. Überall auf dem Grundstück befinden sich noch Sachen der Leute, denen die Pilgerruhe über all die Jahre ein Heim war. Möbel und andere Einrichtungsgegenstände, Baumaterialien und jede Menge weitere Dinge, die es zu entsorgen gälte.

Doch dazwischen blitzt der Charme des Hauses hervor. Die hölzernen Wandverkleidungen, die Sichtbalken in den Decken. Karin Fäh wandelt durch die alten Räume des Gutshauses. Es riecht ein bisschen modrig von den alten Mauern, nach Holz und Rauch. Irgendwie bekannt. Und als Karin sich auf den Kachelofen im ersten Stock setzt, weiss sie: «Das ist mein Zuhause.»

Der Plan geht nicht auf
Das Paar fährt zurück in sein Mietshaus in Zeglingen. «Das ganze Wochenende über hat es in unseren Köpfen gerattert», sagt Thomas. Gedanklich machen sie bereits Pläne, wie das Haus einmal aussehen könnte, wie schön es sein könnte. Auf der anderen Seite die Zweifel: Wie lange würde die Renovation dauern? Welche Kosten werden auf sie zukommen? Können sie das stemmen? Als das Wochenende vorbei ist, haben sie sich entschieden. Sie wollen die Pilgerruhe kaufen. Und sie bekommen den Zuschlag.

Karin und Thomas krempeln die Ärmel hoch und beginnen mit der Arbeit. Das bedeutet zuerst einmal räumen und wegwerfen. Unterstützt von Freunden und Verwandten entrümpeln sie während vieler Stunden das Anwesen, in dem einst gleichzeitig die Familien mehrerer Generationen gelebt haben. «Wir haben vier Küchen aus dem Haus ausgebaut», sagt der heute 42-jährige Thomas.

Das Haus ist in drei Wohnungen unterteilt, eine im Erdgeschoss sowie je eine im ersten und im zweiten Stock. Sie sind über zwei Eingangstüren zugänglich. Der Plan der gelernten Automechanikerin und des Zimmermanns ist es, die Erdgeschosswohnung, die aus zwei Zimmern besteht, sanft zu renovieren, also mit kleinen baulichen Eingriffen wieder instand zu setzen, um dort einziehen zu können, während sie den Rest des Hauses renovieren.

Doch der Plan geht nicht auf. Die Deckenbalken der Wohnung liegen nur einige Zentimeter auf der Mauer auf und müssen erneuert beziehungsweise durch weitere Balken verstärkt werden. Weitere unvorhergesehene Mängel tauchen auf und bringen den Zeitplan durcheinander. Das Ehepaar kann nicht wie beabsichtigt alle Räume der Wohnung beziehen. Doch ihr Haus in Zeglingen haben sie bereits gekündet. «Wir haben uns dann einfach auf die bewohnbaren Zimmer der Pilgerruhe verteilt», erzählt Karin.

Ein Unterschlupf für Reisende
Vielleicht 10 Prozent der Arbeiten, so schätzen die beiden, überlassen sie den Elektrikern und Maurern. Den Rest bestreiten sie selbst. Karin
plant und organisiert, Thomas führt aus. Er weiss alles über Holz, sie über Metall. Obwohl sie sich mit dem Haus ein riesiges Projekt vorgenommen haben, arbeiten die beiden Macher weiterhin Vollzeit. Die Abende und Samstage gehören dem Haus. Sie entrümpeln die Zimmer, legen neue Leitungen, verkleiden die Wände neu und versuchen dabei, so viel vom alten Charme wie möglich zu erhalten.

Bevor Karin und Thomas das Haus kauften, hatte es mehrere Jahre leer gestanden. Die Frau, die zuletzt darin gewohnt hatte, nutzte alleine wohl nur wenige Räume. Der Grossteil des Hauses blieb deshalb unbeheizt. In den 1950er-Jahren sei wohl zum letzten Mal etwas am Haus gemacht worden, sagt Thomas. Aus dieser Zeit datieren gemäss kantonalem Bauinventar, in dem das Haus als kantonal schützenswert eingestuft wird, unter anderem auch die Fenster und Türen.

Die Pilgerruhe wurde 1790 von Johann Jacob Iselin gebaut, der gemäss dem Baselbieter Bauinventar ein Bruder des damaligen Pfarrers von Rümlingen war. Iselin war der Besitzer des Hauses «Zum Pilgerstab» in Basel. In Anlehnung daran nannte er sein Landhaus «Zur Pilgerruhe». Jedoch ranken sich noch weitere Geschichten um das Haus und seine Entstehung. Drei davon sind im Baselbieter Sagenbuch festgehalten. Eine erzählt, dass das Haus, dessen Fundamente «am Grunde» 12 Meter dick sein und bis auf die Strasse hinunterreichen sollen, einst den Reisenden dienen sollte. Die jeweiligen Pächter beherbergten Wanderer und mussten im Gegenzug dem Eigentümer keinen Pachtzins bezahlen.

Zwei Jahre lang haben Karin und Thomas nur im Badezimmer fliessendes Wasser. Während mehrerer Monate verläuft zudem ein Graben vor ihrer Haustür, in den eine Wasserleitung gelegt werden soll. Doch der Baggerfahrer reisst aus Versehen die Trinkwasserleitung vor dem Haus heraus und stellt Karin und Thomas damit vor neue Herausforderungen.

Axtwerfen und Fischräuchern
«Wenn man jeden Liter Wasser zuerst in den ersten Stock tragen muss, weiss man fliessendes Wasser plötzlich zu schätzen», sagt Karin Fäh. Doch sie und ihr Ehemann entbehren nicht nur den Zugang zu Wasser aus dem Hahn. Auch für Hobbys und Ferien fehlen Zeit und Geld. Beides stecken sie lieber in ihr Haus. «Wir wollen aus der Pilgerruhe einen Ort machen, an dem man gerne ist. Für uns ist er das jetzt schon», sagt Karin. «Viele, die das Haus sehen, sagen, sie würden gerne auch so etwas machen, könnten das selbst aber nicht», erzählt sie. «Wir haben es einfach gemacht. Durch reden werden Träume nicht wahr. Man muss etwas dafür tun.»

Bei all der Arbeit wissen die beiden aber auch, wie wichtig Ruhepausen sind. «Am Sonntag wird nicht gearbeitet», sagt Karin bestimmt. Ausserdem führte Thomas, der kurz nach der Lehre seinen ersten Bausparplan abschloss, irgendwann einen Abend für sich ein. Seither ist er jeden Donnerstag für niemanden zu erreichen und macht etwas, das nichts mit dem Haus zu tun hat. Doch auch da setzt er sich nicht einfach hin und liest ein Buch, sondern schwingt den Hammer. Denn seine Frau und er sind grosse Mittelalterfans. So zimmerte Thomas zum Beispiel ein mittelalterliches Langzelt und einen Räucherkasten.

Wenn er sonst nicht gerade an der Pilgerruhe baut, stellt er Pfeile für ihre Pfeilbogen her oder braut zusammen mit Karin eigenes Bier. Sie stellt Schmuck her und backt. In ihrem Gewölbekeller empfangen die beiden auch Gruppen für Teamevents und Workshops fürs Bierbrauen, mittelalterlich Kochen, Schmuckknüpfen, Bogenschiessen oder Axtwerfen. Die Einnahmen dieser Anlässe, die sie – so ihre Hoffnung – in Zukunft häufiger organisieren können, wollen sie in die Renovation des Gewölbekellers investieren.

«Wir leben unseren Traum»
Samstag, 16. Februar 2019: Karin und Thomas Fäh sitzen auf einer Bank auf der Blüemlimatte oberhalb des Zufahrtswegs zur Pilgerruhe und blicken über Rümlingen. Das Viadukt, der alte Dorfkern, die neuen Quartiere, das Tal Richtung Ramsach. Sie überblicken den Grossteil des Dorfs von ihrem Bänkli aus. 2018 sei das erste Jahr gewesen, in dem sie nicht jede freie Minute in die Pilgerruhe gesteckt haben. Mittlerweile bewohnen sie die fertig renovierte 2-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss. Als Nächstes wollen sie die oberen beiden Stockwerke renovieren. Weitere Teilprojekte sind der Gewölbekeller und das Dach. Letzteres liege aber noch weit in der Zukunft. Auch wenn Karin und Thomas schon viel an ihrem Herzensprojekt gearbeitet haben, beendet ist es auch nach acht Jahren noch lange nicht. Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum. Warum tut sich das Paar den jahrelangen Umbau an, dessen Ende nirgends in Sicht ist?

«Wir leben hier unseren Traum», sagt Karin und sieht Thomas einen Moment lang in die Augen, bevor beide lächeln.


Dieser Beitrag wurde am 12. April 2019 in der «Volksstimme» veröffentlicht.


 

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