Sie waren sich nie besonders nah, meine Zähne. Schon die Milchzähne sassen mit genügend Abstand zueinander in meinem Mund. Besonders bezeichnend für meine Futterluke: Die Lücke zwischen den mittleren Schneidezähnen. Als ich acht oder neun Jahre alt war, fiel der linke seitliche Schneidezahn aus. Was danach an derselben Stelle wuchs, betitelte ich – wenig schmeichelhaft und bestimmt nicht politisch korrekt – als Krüppelzahn. «Zapfenzahn» nannte mein Arzt den kleinen Stummelzahn, der anstelle eines anständigen Kauwerkzeugs in meinem Mund heranwuchs.

Damit bestand mein Gebiss endgültig aus mehr Luft denn Zähnen. Und – ja, ich bin ein bisschen eitel – das gefiel mir nicht. Auf Fotos wandte ich, wenn möglich, meine rechte Seite der Kamera zu oder lächelte, ohne die Zähne zu zeigen. Eine Korrektur sei nicht sinnvoll, solange sich die Zahnstellung noch verändern könne, hörte ich beim Zahnarzt. Also hiess es warten.

Dieses Jahr war es aber so weit. Ich liess mir den Krüppelzahn auffüllen. Und da ich schon auf dem Schragen lag, wurde auch gleich die Lücke zwischen den Schneidezähnen geschlossen.

Schon als der Zahnarzt den Stuhl in seine Ausgangsposition zurückversetzte und ich das erste Mal mit meiner Zunge über die Zähne fuhr, erhöhte sich mein Pulsschlag. Es fühlte sich an, als hätte er etwa ein Kilo Material zwischen meine Kiefer gepflastert. Ich bekam einen Spiegel und sah mir meine neue Kauleiste an. Sah gar nicht schlecht aus, fand ich. Ungewohnt halt.

Auch der Zahnarzt war zufrieden. Das sei ihm also ziemlich gut gelungen. Ja, etwas «glunge» fühlte es sich auch an. Als hätte ich mir einen Kaugummi zwischen Oberlippe und Zähne gesteckt. Es sei normal, dass es die kommenden paar Tage noch etwas ungewohnt sei, sagte der Arzt. Wenn etwas dauerhaft störe, solle ich mich aber melden. Ich nickte und verliess die Praxis.

 

Kaum im Büro angekommen, klingelte mein Telefon. «Volksstimme, Michèle Degen», wollte ich mich wie immer vorstellen. «Olksstimme», kam es stattdessen aus mir heraus. Die Luft, die das «V» bilden sollte, krachte gegen meine neuen lückenlosen Schneidezähne und verpuffte lautlos. Ich erschrak. «Jetzt habe ich einen Sprachfehler», schoss es mir durch den Kopf. «Ich kann V und F nicht mehr aussprechen.» Auch die nächsten Versuche schlugen fehl.

Den restlichen Tag verbrachte ich damit, mässig erfolgreich Worte mit F und V vor mich hin zu murmeln. Auch während der kommenden Tage verschwanden weder das seltsame Gefühl noch die nuschelige Aussprache. Hätte ich gewusst, welche logopädischen Folgen die Zahnkorrektur hat, hätte ich mir nochmal überlegt, ob ich eine korrekte Aussprache wirklich gegen ein schönes Lächeln tauschen will. So dachte ich einige Male. Vielleicht musste ich mir ja jetzt wieder eine Lücke in meine Zähne hineinschleifen lassen.

Am Schluss siegte doch die Eitelkeit. Sie hielt mich so lange davon ab, nochmal den Zahnarzt anzurufen, bis sich doch alles wieder ziemlich normal anfühlte. Und ja, ich kann mich am Telefon auch wieder richtig vorstellen.

micheled Kolumne