Während mehr als vier Jahrzehnten hat Peter Gysin in seiner Hausarztpraxis in Gelterkinden Patienten empfangen – bis heute. Nun geht der 75-Jährige in Pension. Irgendwann müsse man einen Schlussstrich ziehen, sagt er.

Michèle Degen

Es ist ein geschäftiger Freitag in der Praxis von Dr. Peter Gysin. Geschäftiger als sonst, denn neben den Patienten, die zu einer letzten Behandlung kommen, holen viele bereits ihre Unterlagen, oder schauen einfach sonst vorbei, um sich vom Doktor und seinem Team zu verabschieden. Denn ab heute Dienstag empfängt Gysin keine Patienten mehr, sondern räumt seine Praxis an der Schulgasse 5 aus. Nach 41 Jahren als Hausarzt in Gelterkinden geht Gysin mit 75 Jahren in Pension.

Obwohl er damit bereits zehn Jahre länger im Beruf geblieben ist, als er hätte müssen, hat sein Alter nur bedingt mit seiner Pensionierung zu tun. «Irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen», sagt der Arzt. «Vom Gefühl her hätte ich aber ohne Weiteres noch fünf Jahre weitermachen können.» Und das glaubt man ihm. Gysin sitzt an seinem grossen Schreibtisch aus Holz im Behandlungsraum. Auf dem Tisch und dem dahinterliegenden Bücherregal liegen orange und gelbe Patientenakten. Einige dicker, andere dünner. Immer wieder steht Gysin auf und verlässt rasch mit einem der Papierbündel den Raum, um einem Patienten seine Akte zu übergeben, und einige Abschiedsworte auszutauschen.

Patienten als Ganzes erfassen

Der Wunsch, Arzt zu werden, kam bei Gysin nicht von ungefähr. «Ich habe schon früh meinem Vater nachgeeifert», sagt er. Dieser war ebenfalls rund 40 Jahre Hausarzt in Gelterkinden. Sein Sohn bekam so schon früh vieles aus dem Beruf mit. «Ausserdem habe ich wohl ein ausgeprägtes Helfersyndrom», sagt Gysin und lacht.

Nachdem er 1977 seine Ausbildung zum Facharzt abgeschlossen hatte, zog er für sechs Jahre nach Winterthur, wo er seine Frau kennenlernte, die ebenfalls in seiner Praxis arbeitet. Sie sei es denn auch gewesen, die in der Zeitung das Inserat entdeckt hatte, in dem die Räume der heutigen Praxis zur Miete ausgeschrieben waren. Es handelte sich dabei um die Räume der ehemaligen Schule. Auch Gysin drückte einst in dem Gebäude die Schulbank. Nachdem die Räume renoviert und neu eingerichtet waren, empfingen Gysin und sein Team die nächsten vier Jahrzehnte insgesamt mehr als 5000 Patienten, rund 700 haben sie mit einer persönlichen Nachricht über die Aufgabe der Praxis informiert.

Bei vielen Patienten, die schon lange und regelmässig zu ihm kommen, kennt Gysin nicht nur Namen und Krankengeschichte. Er weiss auch über ihre privaten Hintergründe Bescheid, da gehöre er vielleicht noch der alten Schule an, sagt Gysin. Es sei aber auch für seine Arbeit wichtig, denn nicht selten seien die Beschwerden, wegen derer die Patienten zu ihm kämen, auf psychische Belastungen oder Probleme im Umfeld zurückzuführen. Um solche Ursachen jedoch zu erkennen, müsse man den Patienten als Ganzes verstehen können. Dafür verlangt er jedoch nicht einfach Offenheit von seinen Patienten, sondern zeigt ehrliches Interesse im Gespräch und gibt ohne Umschweife auch Dinge aus seinem Privatleben preis.

 

«Vom Gefühl her hätte ich ohne Weiteres noch fünf Jahre weitermachen können»,sagt Arzt Peter Gysin. Bild Michèle Degen

Doch was, wenn er ein Problem im Umfeld eines Patienten erkannt hat? «Ich kann schlecht sagen: ‹Bringen Sie Ihren Mann oder Ihre Frau einmal mit.›», sagt Gysin und lacht. In solchen Fällen versuche er, den Patienten subtil zu vermitteln, wo die Ursache liegt und dass es nicht genügt, deren Symptom mit einer Tablette zu bekämpfen. Das erfordere jedoch eine gewisse Feinfühligkeit. Gerade zu Beginn seiner Karriere als Arzt sei er da ab und zu übers Ziel hinausgeschossen, was auch dazu geführt habe, dass der eine oder andere Patient den Arzt gewechselt habe.

Sein Beruf habe einen grossen Wandel durchgemacht, sagt Gysin rückblickend auf die vergangenen vier Jahrzehnte. Vieles sei komplizierter und aufwendiger geworden, zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Versicherern. Für alles müssten heute Berichte und Protokolle geschrieben werden. Etwas, wozu man nicht komme, wenn man den ganzen Tag Patienten empfange. Neu eingeführte Regelungen im Tarifkatalog Tarmed machten den Alltag zusätzlich schwieriger. So zum Beispiel die Anfang 2018 eingeführte Begrenzung auf 20 Minuten, die eine Konsultation normalerweise dauern darf.

Eine neue Regelung, die den Alltag des Arztes ebenfalls massgeblich beeinflusse, sei, dass die chirurgischen Instrumente bei 120 Grad Celsius und nicht mehr bei 100 Grad sterilisiert werden müssen. Die Anschaffung eines dafür erforderlichen Geräts lohne sich für eine Praxis wie seine nicht, sagt Gysin. Deshalb weichen die meisten Praxen auf Wegwerfinstrumente aus. Diese seien jedoch deutlich unpräziser als das alte Besteck.

Doch auch wenn er nicht pensioniert würde, die vielen Neuerungen hätten ihm nicht den Spass an der Arbeit genommen, ist sich Gysin sicher. Dafür habe er zu viel Freude daran gehabt, den Menschen zu helfen. Das sei eben die Sache mit dem Helfersyndrom, sagt er: «Man kann fast nicht aufhören.» Trotzdem spüre er sein Alter. Er sei nicht mehr so belastbar wie noch vor einigen Jahren. Dass er so lange in seinem Beruf bleiben konnte, habe auch damit zu tun, dass er trotz grossen Pensums immer genügend Zeit für seine Hobbys gehabt habe. So spielt Gysin Geige und Bratsche und ist Mitglied des Orchesters Gelterkinden. Auch für Orientierungsläufe und Langlauftouren – zwei Leidenschaften, die Gysin mit seinen Kindern teilt – blieb immer genügend Zeit.

Hat Gysin den Schlüssel zu seiner Praxis zum letzten Mal gedreht, will er sich aber nicht einfach zur Ruhe setzen. Er hat vor, die grossen Komponisten der Klassik genauer zu studieren. Dafür will er auch Universitätslesungen besuchen. Die Zeit, die er jetzt habe, wolle er geniessen.

Keinen Nachfolger gefunden

Gestern Abend schloss sich nun zum letzten Mal die Tür der Praxis hinter einem Patienten. Den Rest der Woche verbringen Gysin und sein Team damit, die Zimmer leerzuräumen. Den Grossteil des Inventars überlassen sie einer Nichtregierungsorganisation, die es nach Syrien bringen wird.

Vergeblich haben Gysins nach einem Nachfolger gesucht, der die Praxis übernommen hätte. Bereits vor fünf Jahren begannen sie mit der Suche. Es sei ziemlich schwer in der heutigen Zeit, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, der oder die eine Einzelpraxis übernehmen wolle. Dreimal sah es so aus, als hätten sie einen geeigneten Nachfolger gefunden, jedes Mal kam doch noch etwas dazwischen. «Deshalb haben wir uns gesagt, dass es jetzt genug ist», sagt Gysin. Ausserdem stünde der neue Doktor in rund zwei Jahren vor einem Platzproblem. Denn der Verein, der das Kulturlokal Marabu betreibt, das sich im selben Gebäude befindet, wird das Haus kaufen und renovieren. Spätestens dann hätte die Praxis also voraussichtlich sowieso weichen müssen.


Dieser Beitrag wurde am 1. Oktober 2019 in der «Volksstimme» veröffentlicht.


 

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