Seit vier Jahren sind die Baselbieter Gemeinden selbst für Ruhe und Ordnung zuständig. Viele haben deshalb Leistungsverträge mit privaten Sicherheitsunternehmen abgeschlossen. Arisdorf setzt schon länger auf ein solches Unternehmen. «First Choice Security» patrouilliert bereits seit zehn Jahren im Dorf.

Michèle Degen

«Ich melde zum Dienst: Chiovarelli Adolfo und Simon mit einer Zivilperson.» Das Funkgerät rauscht kurz, während Adolfo Chiovarelli es verstaut. Danach setzt er sich hinters Steuer des grauen Nissans mit der Aufschrift «Interventions- und Ordnungsdienst». Auf der Beifahrerseite hat bereits sein Sohn Simon Platz genommen. Adolfo Chiovarelli ist Geschäftsführer des Sicherheitsunternehmens «First Choice Security» in Liestal. An diesem sonnigen, warmen Donnerstagabend patrouillieren er und sein Sohn, der ebenfalls im Unternehmen tätig ist, in Arisdorf. Drei Mal pro Woche sind die Mitarbeiter von «First Choice Security» in der Gemeinde unterwegs. Immer an verschiedenen Tagen, zu verschiedenen Zeiten, auf verschiedenen Routen.

2015 trat ein neues Polizeigesetz in Kraft. Seither sind die Gemeinden selbst für Ruhe und Ordnung zuständig. Die Polizei bietet an, die Aufgaben in diesem Bereich an Abenden und Wochenenden zu übernehmen, berechnet dafür jedoch 4 Franken pro Einwohner und Jahr für Gemeinden ohne eigene Gemeindepolizei. Ab Juli wird sie mit 33 Gemeinden entsprechende Verträge unterhalten. Viele andere Kommunen haben sich entschieden, diese Aufgaben selbst zu übernehmen oder eben ein privates Sicherheitsunternehmen, wie jenes von Chiovarelli, damit zu beauftragen. Sein Unternehmen hält derzeit Ruhe-und-Ordnungs- Leistungsverträge mit zehn Baselbieter Gemeinden. Nahm Chiovarelli zuvor noch Aufträge aus umliegenden Kantonen an, kann er sich seit vier Jahren ganz aufs Baselbiet konzentrieren.

Der Aufgabenbereich von «First Choice Security » beschränkt sich dabei nicht nur auf die Gemeindekontrollen. Chiovarellis Unternehmen übernimmt unter anderem auch den Schutz von Personen, Gebäuden oder Baustellen und Geschäften sowie Einkaufszentren und unterhält eine Privatdetektei.

Das Gespräch suchen

In Arisdorf patrouillieren Chiovarelli und seine Mitarbeiter jedoch schon seit zehn Jahren. Dies, weil der Gemeinderat spezielle «Hotspots» für Sachbeschädigungen und sonstige Vandalenakte häufiger kontrolliert haben wollte, als von der Polizei vorgesehen. Deshalb engagierte die Gemeinde das Unternehmen. «In Arisdorf ist nicht allzu viel los», sagt Chiovarelli, «unter der Woche sowieso nicht.» Als er und seine Mitarbeiter mit ihrer Arbeit in der Gemeinde begannen, sah das aber noch anders aus.

Das Auto fährt los, es ist kurz nach 19 Uhr. Zuerst verlassen die beiden das Dorf in Richtung Norden, fahren einen Hügel hinauf zum Waldrand. Chiovarelli verlangsamt das Tempo und zeigt auf einen Mergelplatz. «Hier hatte vor etwa zehn Jahren eine Prostituierte ihren Wohnwagen stehen», sagt er.

Bild Michèle Degen

Damals seien Autos aus der ganzen Schweiz und sogar dem Ausland durchs Dorf zum Mergelplatz am Waldrand gefahren. Die Sicherheitsbeamten schritten jedoch nicht ein. Sie notierten sich die Kennzeichen und benachrichtigten die Polizei – und die Autos blieben weg. Irgendwann war auch der Wohnwagen verschwunden.

Chiovarelli beschleunigt wieder und dreht das Auto Richtung Osten. Wenige Hundert Meter weiter steht ein kleiner Pavillon. An einem Tisch davor sitzen zwei junge Männer in der warmen Abendsonne und trinken ein Bier. «Hinter dem Pavillon wurde vor kurzer Zeit neu angepflanzt», erzählt Chiovarelli. «Einen Tag später war alles zerstört.» Die beiden Sicherheitsfachmänner steigen aus. «Hallo zusammen», begrüsst Chiovarelli die beiden Männer, die unisono zurückgrüssen. Er unterhält sich kurz mit ihnen. Nach ihren Namen muss er nicht mehr fragen. Die meisten der jungen Arisdörfer, die abends draussen unterwegs sind, kennen die Sicherheitsfachmänner bereits mit Namen. Nach einigen freundlichen Worten ermahnt Adolfo sie, ihre Bierdosen zu entsorgen und nicht einfach liegen zu lassen. Die Chiovarellis setzen sich wieder in ihr Auto und fahren weiter. In einem weiten Bogen um das Dorf herum.

«Markiert man in jeder Situation einfach zuerst den Platzhirsch, erreicht man nichts», sagt Chiovarelli. Er sucht mit Vandalen, Falschparkern und Littering-Sündern zuerst das Gespräch auf Augenhöhe und appelliert an ihren gesunden Menschenverstand. In den meisten Fällen führe das schon zum Ziel. «Man muss in jeder Situation Mensch bleiben», sagt er. Das wolle er auch all seinen Mitarbeitern mitgeben. «Ich versuche, auf die Menschen einzugehen und so dem Problem auf den Grund zu gehen.»

Um bei seinem Unternehmen zu arbeiten, müsse man sich also auch für die Menschen interessieren und auf sie zugehen wollen. «Es reicht nicht, jemanden einfach vom Platz zu verweisen.» Das hat Chiovarelli selbst erlebt. Er erzählt von einem Jungen, der in einer Gemeinde über Monate hinweg negativ aufgefallen war. Chiovarelli suchte das Gespräch mit ihm und erfuhr, dass Probleme in der Familie und mit der Lehrstellensuche für seinen Frust verantwortlich waren. Chiovarelli half ihm darauf mit seinen Bewerbungsunterlagen und vermittelte ihm schliesslich eine Lehrstelle. Danach habe er ihn auf seinen Patrouillen nie mehr gesehen.

Elektrogeräte im Wald
An der Grillstelle beim Waldhaus hält der Sicherheitsfachmann wieder. Sie sehen sich das Waldhaus genauer an. Adolfo wischt mit dem Stiefel ein wenig Laub unter einer Sitzbank zur Seite. Darin fanden sie schon Päckchen mit Gras. Mitte und Ende Monat seien dann plötzlich viele Jugendliche nacheinander mit ihren «Töffli» zur Waldhütte gefahren, wohl, um sich ihren Anteil abzuholen.
Hinter dem Waldhaus seien zudem unglaubliche Mengen Abfall illegal entsorgt worden. Darunter gerne auch Elektrogeräte wie Mikrowellen oder Waschmaschinen. Auch das gehöre im Grossen und Ganzen aber der Vergangenheit an.

Nach einigen Runden durchs Dorf, vorbei an der Kirche und einer Baustelle, auf welche die beiden ein Auge haben, halten sie vor dem Kindergarten und prüfen, ob alle Türen geschlossen sind. Beim danebenliegenden eingezäunten Entsorgungsgelände steht die Tür offen. Zwar wurde abgesperrt, die Tür jedoch nicht ganz zugezogen. Chiovarellis Schlüssel passt nicht. Er macht sich eine Notiz und meldet es den Werkhof-Mitarbeitern.

In der Halle der Primarschule wärmen sich gerade die Spieler des Fussballklubs für ihr Training auf. Auf dem Parkplatz vor der Schule werfen Adolfo und Simon Chiovarelli einen Blick hinter die Windschutzscheiben der geparkten Autos. «Es kommt ab und zu vor, dass jemand vergisst, die Parkkarte zu stellen», sagt Adolfo. «Meist, wenn ein Spieler spät dran ist fürs Training.» Er stellt dann aber nicht gleich eine Parkbusse aus. «Habt ihr die Parkkarte gestellt?», fragt er die Spieler auf ihrem Weg zum Rasen. «Heute schon», kommt die Antwort. An anderen Tagen würden zu diesem Zeitpunkt einige zurück zu ihren Autos rennen, um das nachzuholen. Die beiden Sicherheitsfachmänner drehen eine Runde ums Schulhaus und schauen kurz in die Turnhalle. Alles unauffällig.

Bild Michèle Degen

Pfefferspray und Schlagstock

In diesem Beruf dürfe man nicht konfliktscheu sein, so Chiovarelli. So ruhig wie in Arisdorf gehe es nicht überall zu. Auf Patrouille sind die Sicherheitsleute jeweils zu zweit unterwegs, mit Pfefferspray und Schlagstock und wenn nötig, auch mit einer Waffe ausgerüstet. Chiovarelli und einige weitere seiner rund 20 Mitarbeiter haben die Erlaubnis, eine Waffe zu tragen. Je nach Gemeinde und Situation nimmt die Patrouille auch einen Hund mit. An diesem Abend ist die Hundebox im Kofferraum aber leer. Die meisten von Chiovarellis Mitarbeitern beherrschen zudem eine Kampfsportart. Er selbst machte lange Zeit Karate. Im Ernstfall rufen die Sicherheitsleute aber immer eine weitere Patrouille oder die Polizei zur Verstärkung.

Auf die Frage, ob es eine gute Lösung sei, dass die Gemeinden auf private Sicherheitsunternehmen statt auf die Polizei setzen, antwortet Chiovarelli nach kurzem Zögern. «Wenn ich wüsste, dass alle Mitarbeiter solcher Unternehmen so ausgebildet wären wie meine, dann fände ich es eine gute Lösung. Aber eigentlich müsste die Polizei als Erste vor Ort sein.»

Am Ende einer Patrouille steht immer ein Bericht, den die Security für die Gemeinde verfasst. An diesem Abend wird er kurz ausfallen. Dass die Tür zum Entsorgungsplatz offen war, wird drinstehen, und dass sonst alles ruhig war. Adolfo und Simon Chiovarelli verabschieden sich und machen sich auf den Weg zur ihrer nächsten Patrouille ins Unterbaselbiet nach Pratteln. Wo mehr Überraschungen auf sie warten werden als in Arisdorf, da sind sie sich sicher.


Dieser Beitrag wurde am 25. Juni 2019 in der «Volksstimme» veröffentlicht.


 

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